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Niemand merkte es sofort, aber in Wahrheit war Sophie, die in der Familie meistens Soferl genannt wurde, noch einen Schritt weiter in die Essstörung hinein geraten. Mit einem Mal hatte sich ihr Wunsch nach dünn sein irgendwie verändert. Ihr Fasten glich jetzt einem Kampf, den sie gegen sich selbst führte. Sie lebte in einer eigenen Welt, mit eigenen Gesetzen. Ganz am Anfang ihrer Krankheit waren sicherlich die Figur und die Meinung der anderen sehr ausschlaggebend für ihre Fastenkuren gewesen. Sie wollte unter allen Umständen schön sein, sie wollte ein Modell werden. Sie hatte auch sofort ziemlich Erfolg damit gehabt und sehr viel abgenommen. Rückblickend gesehen ging es ihr in dieser Phase der Krankheit wenigstens psychisch relativ gut.
Aber dann war irgendetwas schief gelaufen. Soferl wusste allerdings nicht so genau was. Aber sie würde es herausfinden. Durch irgendein widriges Ereignis war ihr die Kunst des strengen Fastens entglitten. Sie dachte unentwegt über ihre Fastenkuren nach. Wann, so grübelte sie, hatte sich das angenehme Gefühl, das sie früher bei Hunger verspürte und ihr die Bestätigung gab, auf dem richtigen Wege zu sein, in qualvolle Pein verwandelt. Es war auch damals schmerzhaft, aber eben doch anders. Sie wusste ganz genau, dass sie nie wieder so wenig essen würde können. Dafür verachtete sie sich. "Ich bin so unfähig , wie die meisten Menschen",verhöhnte sie sich im Geist. Sie fühlte sich schwach und labil. Sie wollte einerseits nicht immer nur als das kleine, süße Soferl mit guten Noten und noch besseren Manieren wahrgenommen werden, andererseits fürchtete sie sich auch vor dem Selbstständig werden, vor dem Erwachsen sein. Das würde bedeuten, dass sie noch mehr Verantwortung übernehmen müsste, für andere, aber vor allem für sich und, was noch schlimmer wäre, sie würde eine richtige Frau sein müsen. Davor graute ihr. Aber all das wurde durch die Horrorvorstellung übertroffen, als simpler Durchschnittsmensch, unbeachtet von allen anderen, im Mittelmaß versinken müssen. Auf Durchschnittlichkeit hatte sie immer schon herab geblickt. Selbst so zu sein, hätte sie nicht ertragen, denn ihre Ansprüche, früher durch Anna (ihre Mutter) in unerreichbare Höhe getrieben, jetzt durch sich selbst genährt, waren grenzenlos.
Bald darauf kreisten ihre Gedanken noch mehr um Diäten, Gewichtsab-und zunahme. Wenn sie abends in ihrem Bett lag, konnte sie lange nicht einschlafen, aber jetzt nicht mehr so sehr des Hungers wegen, sondern weil sie an nichts anderes mehr denken konnte als an das, was sie den Tag über zu sich genommen hatte. Es war in ihren Augen immer zuviel. |
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